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2.900 Prozent mehr Bergfinken

Bergfinken wirbeln Tabelle durcheinander / Amsel regional bei minus 80 Prozent

 

Stuttgart – Mit 102.602 Sichtungen springt der Bergfink überraschend an die
Tabellenspitze: Bei der diesjährigen „Stunde der Wintervögel“ am
Dreikönigswochenende haben über 6.100 baden-württembergischen Vogelfreunde
mehr Bergfinken gezählt als Spatzen, Amseln, Kohl- und Blaumeisen zusammen.
Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem Plus von 2.864 Prozent. Bei
der größten bundesweiten Vogelzählaktion landete der Vorjahressieger, die
Kohlmeise, mit deutlichen Verlusten (minus 36 Prozent) nur auf dem dritten
Rang. Zweiter hinter dem Ausnahmesieger Bergfink wurde der Haussperling –
auch Spatz genannt, der sogar zulegen konnte (plus 21 Prozent).

Insgesamt beteiligten sich in Baden-Württemberg 6.173 Vogelfreunde an der
„Stunde der Wintervögel 2012“ (minus 4 Prozent) und meldeten 252.558 Vögel
(plus 29 Prozent) aus 4.064 Gärten (minus 7 Prozent). Das sind aus Sicht des
NABU sehr gute Zahlen: „Wir haben aufgrund des schlechten Wetters mit Regen
und Schneematsch sowohl mit sehr viel weniger Teilnehmern als auch mit
weniger gemeldeten Vögeln gerechnet. Darum sind wir mit der Beteiligung und
den Ergebnissen sehr zufrieden“, sagt der Vogelexperte des NABU
Baden-Württemberg, Dr. Stefan Bosch.

Die Amsel: Gebietsweise massive Einbrüche
Mit großer Spannung erwarteten die NABU-Experten die Zahlen zur Amsel.
Nachdem das Usutu-Virus im Sommer Experten-Schätzungen zufolge einige
100.000 Amseln getötet hat, sind die Winterbestände erwartungsgemäß stark
eingebrochen. Insgesamt wurden in Baden-Württemberg 39 Prozent weniger
Amseln gezählt als im Vorjahr. Am nördlichen Oberrhein, wo das Virus
besonders viele Tiere getötet hat, sind die Bestände regional sogar um bis
zu 80 Prozent eingebrochen (Mannheim: minus 79%). „Diese erschreckenden
Zahlen sind dennoch kein Grund zur Panik“, meint Vogelkundler Bosch. „Von
Viren-Ausbrüchen an anderen Orten wissen wir, dass das Virus die
Amselbestände zwar erheblich reduzieren kann und diese sich mitunter erst
langsam wieder erholen. Dennoch wird es in den betroffenen Regionen
weiterhin Amseln geben. Ich gehe davon aus, dass die Vögel rasch eine
Immunität gegen das Usutu-Virus ausbilden und dem Krankheitserreger dann nur
noch in kleiner Zahl zum Opfer fallen.“

Der Bergfink: Masseneinflug aus dem hohen Norden
Dass der Bergfink in Baden-Württemberg insgesamt absoluter Spitzenreiter
ist, hängt mit der Witterung und dem Angebot an Bucheckern und Mais
zusammen, erklärt Bosch. Bergfinken verlassen ihre Brutgebiete in Russland
und im Nordosten Europas, um in Mitteleuropa zu überwintern. Ihre
Verbreitung wird dann maßgeblich vom Angebot an Bucheckern im Wald und Mais
auf den Feldern bestimmt. „In manchen Jahren gibt es viele, in anderen keine
Bergfinken bei uns“, sagt der NABU-Fachmann. „Wenn sie kommen, dann meist in
riesigen Schwärmen mit Millionen von Individuen.“ In diesem Winter scheint
Baden-Württemberg wieder ein attraktives Überwinterungsgebiet zu sein. Das
zeigen die Zählungen bei der „Stunde der Wintervögel“ genauso wie
Beobachtungen an den Schlafplätzen der Bergfinken, etwa im Schönbuch. Dort
waren Anfang/Mitte Januar rund fünf Millionen Bergfinken in riesigen
Schwärmen unterwegs. Die gezählten Bergfinken konzentrieren sich fast
ausschließlich im südlichen Landesteil. Im Norden wurden fast gar keine
Bergfinken gesichtet.

Übrige Vogelarten
Bei einigen Arten wie Buchfink, Kohl- und Blaumeise sind die Zählungen stark
rückläufig. Der Grund dafür dürfte in erster Linie die milde Witterung mit
Temperaturen überwiegend im Plusbereich sein. Ohne Frost und geschlossene
Schneedecke besteht für die Vögel kaum Bedarf, künstliche Futterangebote in
Siedlungen in Anspruch zu nehmen – und genau dort wurden die Vögel meist
gezählt. „Die Zahlen bedeuten also nicht, dass die Bestände in großem Umfang
zurückgegangen sind“, erklärt Bosch. „Die gewohnten Vogelschwärme an
Futterstellen sind zwar in diesem Jahr eher selten, die Vögel sind aber
trotzdem da und einfach nur andernorts unterwegs, wo sie nicht so einfach
gezählt werden konnten.“